IW-EXPERTE: VORSORGE SCHÜTZT
VOR ALTERSARMUT


Die Große Koalition in Berlin hat ihre Arbeit aufgenommen. Zu den spannendsten Themen der kommenden Jahre gehört – unter anderem wegen des demografischen Wandels – die Gesundheits-, Arbeits- und Sozialpolitik. Jetzt sind die entscheidenden Weichenstellungen für die nahe Zukunft zu treffen. Die Tageszeitung „Die Welt“ zeichnete kürzlich unter der Überschrift „Wir zahlen eure Rente nicht!“ ein düsteres Szenario, falls weiter „Geschenke an die jetzigen Rentner“ verteilt werden. Der Autor prophezeite Altersarmut für jene, die nicht „selbst vorgesorgt haben“. Der promovierte Volkswirt Jochen Pimpertz, Kompetenzfeldleiter „Öffentliche Finanzen, Soziale Sicherung, Verteilung“ beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, hat sich den Koalitionsvertrag angesehen. Wir führten ein Interview mit ihm.

BDV: Ist Deutschland in der Rentenpolitik für die kommenden Jahre gut aufgestellt?

Pimpertz: Die Antwort lautet „jein“. Die umlagefinanzierte Rentenversicherung wird von der Alterung der Bevölkerung besonders hart getroffen. Auf die demografischen Herausforderungen wurde die gesetzliche Alterssicherung aber mit den Reformen des vergangenen Jahrzehnts gut vorbereitet. Das gilt jedoch nur bis zum Jahr 2030. Für die Zeit danach sind bislang keine Vorkehrungen getroffen, obwohl die Bevölkerung weiter altert. Der aktuelle Streit um die rentenpolitischen Perspektiven verunsichert die Bürger obendrein. Während die private Altersvorsorge einen langen Atem und deshalb Planungssicherheit benötigt, verunsichert die aktuelle Debatte potenzielle Sparer und lässt so womöglich wertvolle Zeit für die Altersvorsorge ungenutzt verstreichen.

BDV: Welche Maßnahmen sind notwendig, um den demografischen Wandel in den Griff zu bekommen?

Pimpertz: Wenn die Menschen immer länger leben und die gewonnene Lebenszeit nahezu ausschließlich im Ruhestand verbringen, muss entweder der Beitragssatz für die jüngeren Generationen steigen und/oder das Rentenniveau sinken, d.h. der monatliche Rentenzahlbetrag wird dann weniger stark steigen als die Durchschnittsverdienste. Mit dieser einfachen Formel lassen sich die drei Stellschrauben beschreiben, mit denen das gesetzliche Sicherungssystem auf eine alternde Bevölkerung reagieren kann. Wenn aber junge Beitragszahler nicht überfordert werden sollen, bleiben den Versicherten nur zwei Optionen: länger arbeiten und ergänzend vorsorgen.

BDV: Ist die gesetzliche Rentenkasse durch die Reformen der letzten Jahre auf sicherem Terrain?

Pimpertz: Mit dem regelgebundenen Absinken des Versorgungsniveaus bei gleichzeitiger Förderung der privaten Vorsorge, einer Begrenzung des zu erwartenden Beitragssatzanstiegs und der Anhebung der Regelaltersgrenze bis 2031 wurden die Lasten des demografischen Wandels vor anderthalb Jahrzehnten auf alle Generationen verteilt. Seitdem aber haben Rentengarantien, außerordentliche Rentenanpassungen, die Anhebung der „Mütterrente“ und nicht zuletzt die Möglichkeit eines abschlagfreien Rentenbezugs mit 63 Jahren diese Reformerfolge sukzessive verwässert. Auch deshalb stehen wir heute erneut vor der Frage, wie die Lasten der Bevölkerungsalterung verteilt werden sollen, obwohl der Generationenvertrag gerade erst neu tariert worden ist.

BDV: Wie kann die Politik Altersarmut verhindern und was können die Menschen tun?

Pimpertz: Altersarmut ist nicht allein eine Frage der gesetzlichen Rentenversicherung, weil in vielen Fällen auch eine kleine Rente durch private und betriebliche Versorgung, das Alterseinkommen des Partners sowie Vermögen ergänzt wird. Die Menschen können sich also vor allem durch eigene Vorsorge und gemeinsame Vorsorgeplanung mit ihrem Partner vor Altersarmut schützen. Sache der Politik ist es, im Falle der Bedürftigkeit für ein ausreichendes Grundsicherungsniveau zu sorgen, den Bürgern Planungssicherung durch eine verlässliche Rentenpolitik zu geben und sinnvolle Anreize zur privaten Vorsorge zu setzen.

BDV: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sehen viele Menschen große Risiken für die Gesellschaft durch den demografischen Wandel. Sind die Sorgen berechtigt?

Pimpertz: In jedem Risiko besteht auch eine Chance. Mit Blick auf die Alterssicherung besteht das Risiko vor allem darin, dass mit einer mangelnden Anpassung des Umlagesystems an die veränderten demografischen Bedingungen ein Generationenkonflikt heraufbeschworen wird, der die Zustimmung breiter Bevölkerungsschichten zur solidarischen Sozialversicherung gefährdet. Gleichzeitig eröffnet die Diskussion aber auch die Chance, die Möglichkeiten einer altersgerechten Beschäftigung weiterzuentwickeln und den Menschen so neue Optionen für eine selbstbestimmte Lebensplanung zu eröffnen. Das Argumentieren mit Armutsängsten lähmt dabei die Debatte – besser wäre es, sich auf Lösungen und Voraussetzungen zu konzentrieren.

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BDV: In derselben Studie wünschen sich die Menschen mehr Unterstützung der Politik beim Aufbau einer privaten Altersvorsorge. Dies scheint noch nicht ausreichend der Fall zu sein. Warum nicht?

Pimpertz: Dass sich die Menschen mehr Unterstützung wünschen, überrascht wenig. Schließlich zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass der Ruf nach mehr Förderung bereits früher erfolgreich war. Allerdings passt dieser Befund kaum zu der These, dass die im Einzelfall lukrativen Angebote beispielsweise im Rahmen der Riester- oder Rürup-Förderung, der betrieblichen Altersvorsorge oder anderer Anlagemöglichkeiten bislang nicht hinreichend ausgeschöpft werden. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist es möglicherweise weniger eine Frage der Förderung als vielmehr der Aufklärung über und Beratung zu vorsorgerelevanten Themen, an denen es mangelt.

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